|

|
Endzeit |
| |
Irgendwann in einer sehr fernen
Zukunft, die Menschen haben alles erreicht, was materiell möglich
ist, herrscht der kalte Verstand über alles, was die Natur so auf
der Erde und im Sonnensystem hervorgebracht hat. Um ehrlich zu sein,
es gibt eigentlich nichts mehr, was natürlich ist. Da wachsen
Pflanzen, die gentechnisch ganz neu und nur unter dem Gesichtspunkt
der Nutzbarkeit hergestellt wurden. Das Gleiche gilt auch für die
Fauna. Pflanzen und Tiere, die einfach nur zur Freude am Leben und
zur Erbauung der Menschen da sein sollten, gibt es nicht mehr. Es
gibt keine Freude mehr im Sinne unserer heutigen Zeit, geschweige
denn Trauer, die ja mit der Freude verwandt ist. Gefühle werden
chemisch erzeugt, seit dem man wusste (wusste?), dass sie nur
biochemische Reaktionen des Körpers sind und jederzeit durch gewisse
Drogen und elektrische Stimulanzien intensiver und gezielter
gesteuert werden können. Ja selbst der Mensch ist nicht mehr in der
unzähligen Vielfalt der unterschiedlichsten Persönlichkeiten
vorhanden. Für jede Anwendung und für jeden Beruf werden
gentechnisch Elitemenschen hergestellt. Sie machen keine Fehler
mehr. Sie funktionieren einwandfrei. Jedenfalls die, die noch leben.
Die Fehlerhaften werden in großen Kliniken zur Reparatur gebracht.
Wenn eine Reparatur unmöglich ist, werden aus deren Biomasse wieder
die Rohstoffe hergestellt, aus denen man neue Bioprodukte erzeugen
kann. Eine Seele ist in dieser Zeit völlig unbekannt, weil man ja
überzeugt ist, dass seelische Reaktionen gleich chemisch -
elektrische Reaktionen sind.
Es leben nur noch ein paar Millionen Menschen und es werden immer
weniger. Trotz der Perfektion der Menschenkörper entstehen immer
häufiger Fehlfunktionen. Da zerstören plötzlich Menschen das, was
sie gerade aufgebaut haben. Da schlagen einige wild aufeinander los,
bis sie tot umfallen. Die Wissenschaft ist ratlos, denn es gibt
keinen erkennbaren Grund für dieses unkontrollierte Verhalten. Die
Regierung ist aufs Tiefste erschüttert und verurteilt die
Fehlfunktionen aufs Schärfste. Sie reagiert so, wie wir das auch
heute schon kennen. Im staatlichen Institut für Menschengenetik wird
eine Versammlung aller Wissenschaftler unter Leitung von Professor
Homus einberufen. Jeder Teilnehmer ist schon in einer neugierartigen
Erwartungshaltung, was das heutige Thema sein wird. Es ist keine
aufgeregte Neugier im heute gültigen Sinn, sondern mehr eine
chemisch gesteuerte Lernbereitschaft und ein genetisch verankerter
Gehorsamkeitssinn.
Es tritt Prof. Homus in den Saal und eilt unter pflichtbewusstem
Applaus auf das Rednerpult zu. Er verweilt einen Augenblick (er
putzt keine Brille, denn die Augen sind ja perfekt) und lässt seine
glühend stechenden Augen durch die Reihen seiner in starrer
Erwartungshaltung stehenden wissenschaftlichen Mitarbeiter streifen.
"Bitte setzen!", ertönt seine glasklare Stimme. Unter heutigen
Bedingungen würde bei so einer Stimme das Meerwasser im Aquarium
gefrieren. Doch nur ein kurzes Geräusch rückender Stühle ist zu
hören, bevor fast atemlose Stille einsetzt. Der Professor hebt die
Augen und beginnt seine Rede. Er hat kein Manuskript, er redet frei
aus seinem genetisch auf Höchstleistung getrimmten Kopf.
"Kollegen." Noch einmal schaut er die Teilnehmer durchdringend an.
"Wie Sie alle wissen, haben sich in letzter Zeit unerklärbare
Fehlfunktionen bei den Menschen ereignet. Auch bei der Flora und
Fauna sind trotz hundertprozentiger Kontrolle des Genmaterials
Schäden eingetreten. Die Ursache ist total unverständlich, da, wie
sie wissen, alles Leben bis zur Fehlfunktion hundertprozentig
genetisch einwandfrei arbeitet. Die Fehler treten von der einen
Tausendstelsekunde zur anderen Tausendstelsekunde auf."
Homus macht eine kleine Pause und greift zu einem Glas mit
irgendeiner grünlichen Flüssigkeit um einen Schluck daraus zu
trinken. Man könnte fast meinen, er sei erregt, aber das kann doch
ohne Drogen nicht passieren. Er nahm nie Drogen, denn er hatte nie
das Bedürfnis, sich mit Gefühlen auseinander zusetzen, auch wenn
diese nur künstlich sind. "Kollegen, meine Genstruktur hat mich
befähigt, nach einer Lösung des Problems zu suchen.
Unverständlicherweise bin ich aber nicht sicher, ob das Ergebnis zu
dem ich kam, wirklich das ganze Problem lösen kann." Trotzdem aber
hat mich die Regierung beauftragt, mit den Versuchen zu beginnen, da
die Weltlage schon sehr kritisch ist und viele Facharbeiter fehlen.
Auch bei Politikern kommt es häufiger zu Fehlfunktionen als üblich.
Es besteht Anlass zu Alarmdenken (früher Sorge), denn die
Weltinfrastruktur ist aufs Äußerste gefährdet." "Ich teile Ihnen
nun das von mir erarbeitetes Programm mit und Sie können danach Ihre
Fragen stellen. Die Arbeit wird dann in einer Woche beginnen. Bis
dahin werden Sie auch Ihre Vorbereitungen abgeschlossen haben."
Homus nimmt noch einmal einen Schluck von dieser grünlichen
Flüssigkeit und beginnt. "Die Ursache ist meiner Meinung nicht in
den Genen oder anderen Bioteilchen zu suchen. Die haben wir ja unter
Kontrolle. Nein, wir müssen neues Leben erschaffen aus Atomen, die
noch nie mit etwas Lebendem in Verbindung gestanden haben. Der
Fehler muss in den Atomen aus lebendem Material stecken, weil sich
da vielleicht ein winziger Abdruck aus vergangenen Lebenserfahrungen
abgebildet haben könnte. Urerfahrungen wie Jagdtrieb, Religion und
sogar der Glaube an so etwas wie Liebe, was auch immer das sein mag,
könnte in den Atomen als eine unmessbar kleine Schwingung jenseits
der kosmischen Strahlung vorhanden sein."
Mit ausdruckslosen Gesichtern tippen die Zuhörer ihre Daten in die
vor ihnen liegende Tastatur ein und erwarten die weiteren Befehle
ihres Meisters. Wir müssen ein neues überragendes Sonnensystem
erschaffen! Wir werden eine neue Sonne und neue Planeten herstellen.
Genau wie die Erde wird unser neuer Lebensplanet die dritte Position
im Abstand zu 0,00haben. Aber wir müssen seine Umlaufbahn so
ausrichten, dass überall, das heißt, in allen Nutzzonen außerhalb
der Polarkreise, das gleiche Klima herrscht Die Tastaturen der
Teilnehmer klicken immer heftiger. "Schließlich werden wir auf, 0,00
Flora und Fauna nach den neuen Daten entstehen lassen. Die Daten
können Sie Ihrem Bildschirm entnehmen und an Ihre Mitarbeiter
senden. Auch für den neuen Menschen sind diverse Änderungen
vorgesehen, die Sie ebenfalls dem Bildschirm entnehmen können."
"Dank unserer modernen Technik und unserer Lebenserwartung von
zweihundert Jahren, werden die meisten von uns das Ergebnis noch
miterleben können. Ich denke, achtundneunzig Jahre wird das Projekt
benötigen und in weiteren dreißig Jahren werden dann die ersten
Ergebnisse vorliegen, die zeigen, ob unser Bemühen ein Erfolg war."
Professor Homus trinkt den Rest des grünlichen Getränkes aus und
verabschiedet sich mit den Worten: "Viel Erfolg!" und verlässt den
Saal in der gleichen Ruhe, in der er ihn betreten hatte.
Der Bau des neuen Sonnensystems geht zügig voran. Die ersten
Konturen der neuen Sonne sind schon zu erkennen. Raumtransporter und
Arbeitsplattformen fliegen emsig hin und her, her und hin. Bald wird
0,00 in einer riesigen Explosion sein Leben als neuer Stern
beginnen. Die Natur hätte dafür einige Millionen Jahre benötigt. Der
Traum, schöpferisch tätig zu sein, gleich einer Gottheit, scheint
sich erfüllt zu haben. Ob Prof. Homus sich selber anbetet, ist nicht
zu sehen, denn er meidet außerdienstlich jede Öffentlichkeit. Es
dauert nicht lange, ein paar Jahrzehnte vielleicht, dann sind die
Planeten in ihren festen Umlaufbahnen und ein jeder Planet hat seine
Auswirkung auf die anderen Planeten, genau wie Prof. Homus es
vorausberechnet hat. Der dritte Planet, `Terra II`, ist der
schönste. Er strahlt wie eine zart blaue Perle vor dem Dunkel des
Weltalls. Auch wird er von einem Mond umkreist, der Ebbe und Flut
auf ihm regulieren soll. Außerdem stehen auf drei Positionen, wie
berechnet, thermonuklear strahlende Satelliten, die weitgehend ein
gleiches Klima auf den Nutzzonen des Planeten garantieren sollen.
Die Arbeit in den biochemischen Raumlaboren ist nun auch so weit
vollendet, dass man beginnt, künstlich erzeugte lebende Materie auf
dem Planeten auszusetzen. Man beginnt, den Planeten zu begrünen.
Nach ein paar Korrekturen setzt das eigenständige Wachstum der
Pflanzen ein und achtzehn Monate später werden die ersten Tiere in
die dafür vorgesehenen Zonen gebracht. Jetzt heißt es aber, sich zu
beeilen. Der neue Mensch muss der Planetenatmosphäre angepasst
werden, damit Flora und Fauna nicht unkontrolliert ein Wildwachstum
beginnt. Die künstliche Natur braucht den Regulator Mensch. (Das
glaubten auch die Menschen des 19. Jahrhunderts in Bezug auf die
echte Natur.) Als dies endlich auch geschafft ist, kehren alle
Arbeitsschiffe zurück zur Erde. Nur Prof. Homus verbleibt in seiner
Raumstation, um die weitere Entwicklung von ´Terra II´ zu
beobachten. Jetzt kann er nicht mehr eingreifen. Alles muss sich
jetzt so entwickeln, wie es berechnet wurde. Er ist alleine auf der
Raumstation, nur ein Bildfunkkontakt zur irdischen Regierung gibt
ihm Zugang zur Außenwelt. Homus wurde nämlich verpflichtet, der
Regierung mitzuteilen, wann der geeignete Moment gekommen ist, den
Sitz der Regierung nach ´Terra II´ zu verlegen, weil das Risiko
unkontrollierter Fehlfunktionen auf der Erde zu groß geworden ist.
Die Entwicklung geht wie berechnet voran. ´Terra II´ ist ein
Paradies! Sonnensystem, Flora, Fauna und Mensch sind eine
ausgewogene Einheit. Gerade will Prof. Homus der Regierung
mitteilen, dass der Umzug beginnen kann, da reißt der Funkkontakt
zur Erde ab. Durch globale Fehlfunktionen aller Lebewesen ist die
Erde explodiert und bildet einen Planetoidengürtel um die Sonne. Was
unmöglich schien, ist doch passiert. Ein einzelner Baum, ein
einzelner Mensch sind die ersten Wesen, die aus der berechneten
Einheit ausscheren. War es ein Blitz, war es ein Fehler im Plan,
waren es noch kleinere Materieteilchen als das Atom oder unbekannte
kosmische Strahlen? Man wird es nie ergründen! Der Baum bringt
unregelmäßige Früchte hervor, blass, voller Flecken, groß und klein.
Keine Frucht gleicht der anderen. Der Baum steht in einer Gegend, in
der keine Menschen angesiedelt sind. Deshalb bleibt er lange
unentdeckt, und aus dem gleichen unbekannten Anlass beginnt ein
einzelner Mann sich Gedanken zu machen, die dem genetischen Plan
völlig zuwider laufen. Der Mann, der hier ganz alleine mit seiner
Frau wohnt, weil er diese abgelegene Gegend überwachen soll, damit
ja nichts passiert , was der Schöpferplan des Prof. Homus nicht
vorgesehen hat, stellt sich plötzlich die Frage: "Warum?" . Seine
Frau, die aus seinen eigenen Genen erschaffen wurde, reagiert in
ähnlicher Weise wie er.
Es kommen Gefühle auf, die beide vorher nicht kannten. Und das ganz
ohne Drogen! Auch eine fremde Neugier erfasst sie. So kommt der Tag,
dass sie diesen merkwürdigen Baum aufsuchen, um ihn zu untersuchen.
Sie gehen in den frühesten Morgenstunden los und erleben zum ersten
Mal den wunderschönen Sonnenaufgang mit all den Gefühlen, die damit
verbunden sein können. Auch registrieren sie zum ersten Mal den
lieblichen Gesang der Vögel, die den neuen Tag begrüßen wollen. Wie
verzaubert bleiben sie vor dem wie in goldenes Licht getauchten Baum
stehen.
"Lass uns von den Früchten essen," sagt sie.
"Das ist doch verboten!" widerspricht er.
"Ja schon, aber vielleicht erkennen wir dann, warum sich der Baum so
merkwürdig entwickelt hat," erwidert sie. Plötzlich sehen sie, dass
eine Schlange eine Frucht verzehrt. "Ist denn der ganze genetische
Plan hier aus den Fugen geraten?" fragt er.
"Sieht so aus, deshalb lass uns eine Frucht probieren, damit wir
erkennen, was da los ist." Die Frau reicht ihm eine Frucht und beide
beginnen zu essen.
Während sie essen, ergreift sie ein unbekanntes Gefühl der
Unsicherheit und auch der Liebe zueinander. Sie begreifen plötzlich,
dass der Plan des Homus falsch sein muss. Deshalb entschließen sie
sich, für immer dem künstlichen Paradies fern zu bleiben und nie
wieder dort hinzugehen. Sie bestellen die Felder ohne genetische
Eingriffe, jagen und züchten Tiere, die ihre Nahrung ergänzen und
für ihre Kleidung sorgen. So leben sie zusammen in einem
Glücksgefühl, das trotz schwerer Arbeit so schön ist, wie sie es
bisher nicht kannten. Nach einer gewissen Zeit bekommen sie auch
zwei Söhne, die sich ganz ohne künstliche Wachstumshormone prächtig
entwickeln. " Wir wollen uns heute neue Namen geben, die nichts mehr
mit unserer Vergangenheit zu tun haben", sagt der Mann. So gehen
die Jahre glücklich dahin, bis etwas Schlimmes passiert. Koin
erschlägt seinen Bruder Agel, weil dieser sich nach dem Plan des
Homus entwickelt hat und gehorsam nach den genetischen Richtlinien
leben wollte. Koin erkennt aber, dass es eine böse Tat war und geht
von den Eltern weg, um seine Tat irgendwo wieder gutzumachen. Er
kehrt zu den künstlichen Menschen zurück, um sich dort eine Frau zu
suchen und mit ihr eine neue, natürliche Rasse zu gründen.
Er hat Erfolg! Es entsteht ein neues Menschengeschlecht. Aus diesem
neuen Geschlecht geht ein Mann namens ´Naoh´ hervor, der aus
gewissen Vorahnungen heraus sich ein schwimmfähiges, mobiles Haus
baut und seine ganze Familie darin wohnen lässt. Das Haus ist so
groß, dass er von Flora und Fauna jeweils zwei Exemplare in sein
Anwesen holen kann. Inzwischen gerät Prof. Homus in seiner
Raumstation in einen Zorn der Enttäuschung, weil er das Geschehen
auf ´Terra II´ mitverfolgen kann. In seiner Raserei dosiert er seine
tägliche Generneuerungsspritze zu hoch und mit der falschen DNA.
Seine Füße werden nach und nach zu Pferdehufe und aus seiner Stirn
wachsen zwei große Hörner.
Rasend vor Zorn und mit dem Willen, ganz ´Terra II´ zu vernichten,
fährt er mit seiner Raumstation und den drei strahlenden Satelliten
auf den Planeten zu und versinkt dort in einer riesigen Explosion
tief in den Boden. Der Mittelpunkt von ´Terra II´ wird seine private
Hölle! Es brechen Vulkane aus, Wasser verdampft und regnet wieder
herunter. Die Sintflut beherrscht ´Terra II´ . Alle Kunstmenschen,
die nach Plan des Homus noch funktionieren, werden vernichtet. Nur ´Naoh´
mit den Seinen schwimmt in seinem mobilen Haus neuen und
abenteuerlichen Zeiten entgegen. Muss es erst uns so ergehen? Können
wir der Wissenschaft nicht Einhalt gebieten. Gibt es nicht ein Arzt
der diesem sinnlosen Treiben ein Ende setzt, ich wüsste einen auf
Erden, doch ob er die MACHT hat, sich gegen sie Machenschaften
durchzusetzen. Er würde glaube ich selbst daran kaputt gehen. Aber
das darf nicht sein, meine Seele würde dann weinen und mit ihm
untergehen. So lassen wir gemeinsam überlegen, ob diese Verfahren
nutzvoll sind. |
| |
 |
| |
|
Der Kastanienbaum |
| |
Hallo, du Mensch da auf der Bank,
ich möchte mich dir vorstellen: mein Name ist Aesculus und bin ein
Kastanienbaum. Ja, ich bin der Kastanienbaum, in dessen Schatten du
eben auf dieser Bank Platz genommen hast um dich ein wenig
auszuruhen und um neue Gedanken in dir aufzunehmen. Ja, du hast eine
gute Wahl getroffen! Denn welcher Baum wäre geeigneter, um deinen
Bedürfnissen nach Ruhe und Geborgenheit nachzugehen, nach Träumen
und Gedanken zu suchen, die dich den grauen Alltag für eine gewisse
Zeit vergessen machen? Lieber Mensch, würde es dir etwas ausmachen,
wenn ich dir in aller Bescheidenheit ein Stück aus meinem Leben und
meinen Beobachtungen erzähle? Vielleicht findest du gerade darin die
erkennenden Impulse, die die Zusammenhänge unserer beider Leben
deutlich vor deinen Augen zu einer großen Wahrheit zusammenfassen
und diese, zur Stärkung deiner Seele, wärmend in dein Herz spiegeln
. Ich fühle schon, wie du langsam zur Ruhe kommst. Das ist bei
meinem melodiösen Blätterrauschen und meiner bunten Aura, die den
Schatten für dein geistiges Auge belebend erhellt, auch nicht
verwunderlich. Ich habe schon so manchem Menschen, den Weg durch die
Zeiten gezeigt, ihn die Verbindung aller Seelen, ob Mensch, ob Tier,
ob Baum, ob Strauch, erfühlen lassen und viele haben den Weg auch
gefunden und erkannt, dass Zeit keine fest bestimmbare Größe ist,
sondern nur ein Ausdruck eines unterschiedlichen Reifegrades für
jedes Leben. Und wie groß sind die Unterschiede der Reife, die
einzelnen Wesen dieses Planeten von einander unterscheiden?!
Gut, ich stehe zwar immer auf dem gleichen Platz, wachse nur in die
Höhe und etwas in die Breite. Du kannst dich vom Ort weg bewegen und
innerhalb kurzer Zeit viele neue Eindrücke in dich aufnehmen. Aber
du musst selektieren, was wichtig und was scheinbar unwichtig für
dich ist, damit du nicht überfordert bist. So erscheint dir manches
kurz, manches lang, je nach subjektiver Wichtigkeit. Stelle dir vor,
da wäre ein Lebewesen, dem nichts wichtig wäre. Wie lang müsste doch
für dieses die Zeit sein!? Für mich als Baum ist nun aber alles
wichtig, aber nicht wichtig genug, um schon nach kurzer Zeit zu
verdorren. Deshalb glaube ich, eben einen höheren Überblick zu haben
über räumliche und zeitliche Zusammenhänge, was auch ebenso der
Geduld meines relativen längeren Lebens in der Zeit zugeschrieben
werden kann. Lass' mich nun mit dem Winter beginnen, in dem ich
starr und scheinbar tot, fast unendlich lange Eis und Schnee, Wind
und Sturm, Dunkelheit und Licht durch meine Äste ziehen lasse. Die
Erde hat eingeatmet, alles zieht sich mit ihrem Atem in das Innere
zurück, um dort alle Organe mit neuer Kraft und neuem Leben zu
versorgen. Deshalb ist nach außen alles ruhig und starr, verdichtet
in sich zusammengezogen. Selbst das Wasser verhärtet sich zu Eis und
Schnee. Alles ist in den Körper zurückgezogen wie im Schlaf, in dem
nur noch die Sternenkräfte wirken und den Lebensäther reinigen,
stärken, damit er beim Ausatmen seine ganze Pracht und schöpferische
Kraft entfalten kann.
Das ist wohl die längste Zeit in meinem Leben, der Schlaf, die Ruhe,
obwohl sie nach menschlichen Uhren gemessen nur ca. ein Drittel des
Jahres verbraucht. Dir, lieber Mensch, ist es doch sicher auch so
vorgekommen, als sei der Winter die längste Jahreszeit und nicht nur
ein Drittel des Jahres!? Um die Kräfte der kalten Ruhezeit praktisch
zu verdeutlichen, lege eine meiner Früchte, eine Kastanie, in einen
Blumentopf in deinem Zimmer und eine draußen bei dir in den Garten,
wo sie Eis, Schnee, Nebel, Sturm und Dunkelheit ausgesetzt ist, also
starr und todähnlich schläft, und du wirst sehen, dass die Kastanie
im Garten den Frühling mit einem neuen Trieb, einem neuen werdendem
Baum belohnt, während die Kastanie im Blumentopf verfault ist. Auch
du, lieber Mensch, brauchst ein Drittel des Tages für deinen Schlaf.
Zwar schläfst du nicht bei Eis und Schnee, aber deine
Körpertemperatur geht auch, für deine Erholung, um einige Grade
zurück. Auch auf dich wirken bei deiner vom Schlaf verursachten
Bewusstlosigkeit, die Kräfte der Sterne, um dich geistig zu reinigen
und zu erfrischen. Einem sehr nervösen Menschen muss diese Zeit sehr
lange vorkommen. Was hätte er in diesem Drittel des Tages alles
erleben können, an Kurzweil haben können!?
Nach diesem Drittel, lieber Mensch, fast unmerklich, beginnt die
Erde auszuatmen. Man sieht noch nichts, es ist kalt wie am Tage
zuvor, nass und windig, noch fühlt man sich im Innern geborgen, aber
es hat sich doch etwas entscheidendes verändert. Der nervöse Mensch
nimmt es noch nicht wahr. Doch du, lieber Mensch, der du bei mir auf
der Bank sitzt und träumst, du kannst es, glaube ich, wahrnehmen. Du
hast deine Sinne geübt und stellst als erstes fest, dass die Sonne
schon wieder etwas höher steht als sonst. Du spürst wie ich, dass
trotz gleicher Witterung die Luft anders riecht, dass irgendwie das
atmosphärische sich verändert hat. Das Licht scheint sich zu
verändern, die Zeit scheint ihren Lauf langsam zu beschleunigen und
scheinbar Starres, Totes wirkt irgendwie wieder lebendiger, die Aura
fängt an sich neu zu bilden, um mich und anderes pflanzliches Leben
zu umhüllen, und du hast recht, wenn du anfängst tief durchzuatmen,
weil du dies alles spürst und eine freudige Unruhe in dir
erwacht. So nach und nach siehst du auch, dass die Vögel sich anders
bewegen, aufgeregter, emsiger und bald wirst du auch das zaghafte
Piepsen vernehmen, das das Erwachen des Lebens ankündigt. Auf mich
wirkt das ganze wie eine Art Auferstehung. Der Sturm macht meine
Äste wieder beweglicher, ich fühle, wie die Lebenssäfte wieder in
mir emporsteigen. Wenn du, lieber Mensch, erwachst, reckst du auch
deine Glieder, du reckst dich, um die Starre des Schlafes von dir
abzuschütteln. Immer schneller bewegt sich nun die Zeit.
In meiner Krone hat sich ein Vogel eine Astgabel ausgesucht und
fängt an zu bauen. Er ist ganz nervös, als hätte er Angst, nicht
rechtzeitig fertig zu werden. Doch er weiß, bevor sein Nest
bezugsfertig sein wird, werde ich schützend meine Blätter über sein
kunstvolles Bauwerk ausbreiten. Meine Blätter sind im Winter, wie du
richtig beobachtet hast, lieber Mensch, in harzigen, fast
unscheinbaren Knospen verborgen, die nun durch die Kraft der Sonne
und der beschleunigten Zeit immer dicker und harziger werden, bis
sie aufbrechen. Es ist eine wundervolle Zeit, dieses Erwachen! Wenn
die Säfte so durch meinen Stamm und meine Äste ziehen, ist es mir so
ähnlich wie dir, lieber Mensch, wenn du dich neu verliebst. Ein
Gefühl von einer warmen Liebe, der man sich öffnet und ausbreitet,
um sich freudig den anderen Wesen hinzugeben. Hier spürt man
deutlich, wie wenig Sinn es hat, egoistisch zu sein. Wenn ich mich
nicht hingeben und öffnen würde, ich müsste zugrunde gehen,
absterben. Aber dadurch, dass ich mich als Bauplatz den Vögeln zur
Verfügung stelle, dass ich meine schier unendlichen Blüten, die in
Hunderten von Kerzen zum Himmel ragen, den Insekten als Nahrung
anbiete, steigen Kräfte zu mir herab, die wiederum mich befruchten
und den Hauch für zahlloses, neues Leben mir schenken. Die Zeit
scheint nun schneller zu gehen, und ich habe es meiner liebevollen
Ruhe und Geduld, der Hingabe meiner zum Überleben viel zu
zahlreichen Blüten zu verdanken, dass Sturm und Wind mich nicht
meiner Fortpflanzungskräfte berauben können. Obwohl ich, wenn alle
Insekten durch meinen Nektar gesättigt sind, den größten Teil meiner
Blütenknospen verliere und später noch viele von den ganz kleinen,
jungen Kastanien, verbleiben mir für den Herbst genug Früchte,
Kastanien, die den Fortbestand meiner Art garantieren. Es ist eine
schöne Zeit zu sehen, wie die jungen Vögel, die nun im fertigen Nest
ihre Schnäbel aufreißen, damit die Eltern das Futter in ihren
Schlund stopfen können. Es ist ein emsiges Treiben, es ist wie
Musik, in der niemals eine Disharmonie ertönt, und ich kann in
meiner zeitlosen Ruhe das alles überblicken.
Du, lieber Mensch, bist auch so ein emsiges Wesen, schaffst und
sorgst dich um dich und deine Früchte, deine Kinder, rennst auch oft
herum, als hättest du Angst, die Zeit könnte nicht ausreichen, deine
Ziele zu erreichen, aber du hast als einziges, frei bewegliches
Wesen, auf Erden und in der Zeit, die Möglichkeit, genau wie ich
alle zeitlichen und zeitlosen Zusammenhänge zu überblicken. Du
kannst mit deinem Verstande und deiner Liebe dir die Zeit einteilen,
in eine Zeit des Schaffens und in eine der schöpferisch, geistigen
Ruhe, und bei richtiger Einteilung wirst du erkennen, es ist
genügend Zeit da, weil du spürst, dass Zeit dehnbar, nicht an Uhren
gebunden ist, sondern nur Ausdruck der unterschiedlichsten Art von
Bewegung und Bewusstsein ist. Wenn dein Geist einmal in richtiger
Weise entwickelt sein wird, wirst du erkennen, dass du mit ihm sogar
die Zeit bewusst verändern kannst. Doch das ist wohl noch ein langer
Weg, wenn du willst, ein schöner Weg, und ich werde noch viele
Kastanien abwerfen bis dahin. Die Tage werden immer wärmer, immer
heller, überall zeigt das Leben seine verschwenderische Fülle. Es
blüht und glüht, es zirpt und summt, Regentage verbreiten keine
Trauer mehr, sie erfrischen und beleben das ganze Panorama zwischen
Himmel und Erde, Wolken zeigen ihre Majestät, wenn sie vom Winde
getrieben, Licht und Schatten durch die Felder treiben. Alles
Neugeborene fegt spielerisch durch die Lüfte, durch die Auen; es ist
ein riesiger Lernprozess, der die Zeit vergessen macht. Man muss
lernen zu überleben, zu leben, die Zeit vergeht wie im Fluge, nur
der Moment, die Gegenwart ist wichtig, das Jetzt. Alles bereitet
sich auf ein Ziel vor, das es vielleicht noch gar nicht kennt. Auch
meine Früchte nehmen langsam Gestalt an, sie kleiden sich mit
dornigen Mänteln, denn jetzt heißt es, das Geschaffene zu schützen,
damit es reift.
Familien werden gegründet und mancher deiner Artgenossen, lieber
Mensch, machte den Anfang dafür gerade im Schutz meiner Blätter, da
auf der Bank. Die Zeit schien für den Moment der Liebe
stillzustehen, um hinterher um so schneller weiter zufließen. Das
zweite Jahresdrittel hat so viel geschaffen, da ist so viel gereift
und erwachsen geworden. Die jungen Vögel in meiner Baumkrone sind
längst zu anderen Bäumen geflogen, haben eigene Familien. Es fängt
an, dass die Beschleunigung der Zeit nachlässt, weil die Hitze der
Sommersonne die Bewegung bremst. Diese erste Ruhe ist auch nötig,
damit das Erwachsene in aller Stille dem dritten Drittel
entgegenreifen kann. Das Leben, lieber Mensch, hat seinen Höhepunkt
erreicht und alle Wesen erfreuen sich an der Lust des Lebens. Du
siehst nun deutlich, ein Leben lebt für das andere, Pflanzen
ernähren das Tier, das Tier düngt die Pflanze, Bienen und andere
Insekten bestäuben die Blüten, damit die Pflanze weiterlebt, die
Pflanze schenkt uns die Luft zum Atmen, der Atem des Tieres und auch
der des Menschen ist wiederum die Luft, die die Pflanze braucht, die
auch ich so dringend benötige. Und du, lieber Mensch, ernährst dich
von Pflanze und Tier. Es ist ein segensreicher Kreislauf, den die
Natur da geschaffen hat, die wiederum die Zeit als Werkzeug, als
Verbündeten hat. Das Korn ist reif, das Leben hat sich voll
ausgebildet, auch meine Früchte haben ihre volle Größe erreicht. Es
ist mitten im überschäumenden Leben eine kleine Ruhepause
eingetreten, ein Zeitstillstand ist zu spüren, auch wenn das Leben
sich emsig mit vielen Dingen beschäftigt. Doch es ist wie ein
Urlaub, Urlaub vom stetigen Schaffen, ein Spielen mit dem Jetzt. Man
spürt, die Erde hat ausgeatmet! Auch du, lieber Mensch, atmest nicht
sofort wieder ein, wenn du ausgeatmet hast. Du verharrst einen
Augenblick, bevor du einatmest. So auch die Erde.
Es vergehen einige Tage, einige Wochen, und mitten in der schönsten
Sommerzeit geschieht es, dass von einer zur anderen Stunde
schlagartig die Wende zu spüren ist. Es kann ein erstes, vielleicht
ein sechstes Gewitter sein, oder auch nur ein plötzlicher Regenfall:
Die Atmosphäre ist plötzlich eine ganz andere, auch wenn nach dem
Regen wieder die Sommerhitze regiert. Man spürt aber, es hat sich
was verändert. Der sommerliche Frohsinn weicht langsam einer noch
undefinierbaren Nachdenklichkeit. Die Blätter im Wind, die Vögel in
der Luft und die Farben der Blüten verändern langsam ihr Wesen, und
plötzlich sieht man es: Die Sonne ist mittags nicht mehr so hoch,
sie zieht sich langsam zurück. Die Erde atmet wieder ein!
Kurzfristig scheint die Zeit wieder zu beschleunigen. Die Zeit der
Ernte ist da, das dritte Drittel beginnt. Auch meine Früchte, die
Kastanien, sind voll ausgereift und durch den beginnenden
Einatmungsprozess zieht die Erde auch meine Säfte, das Wasser wieder
in sich zurück. Die Hülle meiner Früchte trocknet aus und platzt.
Nach und nach fallen die reifen Kastanien zu Boden. Die Nester der
Vögel sind schon längst leer, und manche fallen im Wind zur Erde
herab. Du, lieber Mensch, spürst, dass langsam auch Vorahnungen auf
deinen Herbst wach werden. Die Atmosphäre trägt eine gewisse
Traurigkeit in die Herzen, meine Aura verliert ihren sommerlichen
Glanz und die Blätter werden nach und nach gelb und braun. Das alles
geht noch ziemlich schnell, die Zeit scheint ein frühlingsähnliches
Tempo anzunehmen, nur anders herum, sie zieht mit dem Atem der Erde
wieder nach innen.
Viele Lebewesen werden wieder emsig, sie sammeln Früchte für den
Winter, für die lange, lange dunkle Zeit. Auch meine Früchte
versorgen die Tiere mit ihrer Winternahrung. Doch es bleiben noch
viele übrig, damit im nächsten Frühling neue Kastanienbäume
entstehen können. Die Sonne geht immer später auf und steigt nicht
mehr so hoch. Der Atem der Erde wird zu grauem Hauch, zu Nebel. Die
Schwere beginnt wieder Einfluss auf das Leben zu nehmen. Der Regen,
der feuchte Atem der Erde legt sich auf die letzten Blätter. Und
bald fallen auch diese zu Boden und bedecken den Samen, die
Kastanien. Der Regen spült Humus darüber und bildet einen gewissen
Schutz vor der kommenden Kälte. Auch du, lieber Mensch, wärmst deine
Stube und schützt dich vor dem Eise, das bald die Erde bedeckt.
Öfter als sonst besuchst du die Friedhöfe, denkst an das Vergangene
und hoffst, auch für deine lieben Toten wird es nach langem Winter
einen neuen Frühling geben. Der Nebel verlangsamt nun die Zeit, sie
wird immer langsamer, bis zum ersten Schnee. Dann steht sie wieder
still. Die Erde hat eingeatmet!
Meine Aura ist so gut wie gar nicht mehr zu sehen. Die Zeit scheint
stillzustehen, wie eingefroren. Frost härtet den Boden, auch die
Luft scheint schwerer zu sein. Alles wirkt totenähnlich, doch es ist
kein echter Tod. Das geübte Auge sieht in diesem scheinbaren Tod die
Vorbereitung auf ein neues Leben. Ich sagte ja am Anfang, lieber
Mensch, dass meine Kastanien diesen Tod brauchen, um im nächsten
Jahr als junge Bäume aufzuerstehen. In dieser totenähnlichen Ruhe
wirken nämlich, für alle Lebewesen, für alles Lebende unbewusst, die
Kräfte der Sterne, die uns für das erneute Leben stärken und mit
Lebensgeist versorgen. Du, lieber Mensch, erlebst das ja jede Nacht,
wenn du schläfst. Wenn du morgens erwachst, bist du wieder erfrischt
durch die Sternenwelt, weil deine Seele im Schlaf den Körper
verlässt und bei den Sternen ist. Nur weißt du morgens nichts davon,
du spürst nur die Erfrischung. Tagsüber sind die Sterne von der
Sonne, die das Leben antreibt, überstrahlt, doch nachts funkeln sie
ihre Kräfte sichtbar in dein Auge, in deine Seele. So ist es auch im
Winter. Die Sterne strahlen ihre Kräfte in alles Leben, das nun
schläft. Wie du richtig beobachtet hast, lieber Mensch, funkeln die
Sterne im Winter viel heller als in einer Sommernacht. Das ist gut
so und hat seinen tieferen Zweck, auch wenn menschliche Wissenschaft
das Ganze anders erklärt. Die Wissenschaft sieht halt nur einen
Teilbereich, die Oberfläche, und nicht die geistigen Dimensionen.
Und doch feiert ihr Menschen in der Mitte des dritten Drittels die
Sonnenwende, das Lichterfest, weil unbewusst in euch das geheime
Wissen der Auferstehung leuchtet.
Lieber Mensch, meine Geschichte ist nun zu Ende, und wenn du alles
verstanden hast, weißt du, dass jedes Drittel in das nächste
übergreift. Das vergangene Drittel greift ins gegenwärtige, das
zukünftige ist heute schon zu spüren, so wie du heute auf deine
vergangenen Erfahrungen aufbaust und doch schon Vorbereitungen für
die Zukunft triffst. Meine Blüten im Frühjahr bereiten schon alles
vor, damit die Kastanie den Winter, die längste Zeit, das längste
Drittel, das Drittel, in dem die Zeit stehen zubleiben scheint,
überlebt, um im nächsten Frühjahr wieder aufzuerstehen.
Aufzuerstehen als neuer Baum, mit der gleichen Beseeltheit, die sie
im letzten Jahr lebte. Ist es nicht so, lieber Mensch, dass du mit
deinem Tod nur ein neues Dasein in anderem Gewande vorbereitest und
dass sich dein heutiges Leben auf dein vergangenes aufgebaut
hat? Ich sehe, lieber Mensch, du bist müde und willst nach Hause,
denn der Abend kommt wieder mit seiner kleinen Schwere. Die Sonne
ist schon fast am Horizont. Hi, Hi, du reibst dir den Kopf, weil ich
eine Kastanie nach dir geworfen habe. Sei nicht böse, ich tat es
nur, damit du meine Geschichte nicht vergisst. Tschüß, bis bald
einmal wieder in meinem Schatten. Tschüß |
| |
 |
| |
| Mein Leben als
Baum |
| |
" Es war einmal ein Gärtner.
Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagte: "Komm, Frau,
wir pflanzen einen Baum." Die Frau antwortete: "Wenn Du meinst, mein
lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen." Sie gingen in den
Garten und pflanzten einen Baum. Es dauerte nicht lange, da konnte
man das erste Grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der
eigentlich noch gar kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten
Mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen
Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüßte sie auf
seine Weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön,
auf der Welt zu sein, und zu wachsen. "Schau", sagte der Gärtner zu
seiner Frau, "ist er nicht niedlich, unser Baum?" Und seine Frau
antwortete: "Ja, lieber Mann, wie du schon sagtest, ein schöner Baum
!". Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich
immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den
Regen, genoss die warme und feste Erde um seine Wurzeln und war
glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm
sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten,
fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte,
pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein
auf der Welt. So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts
weiter als und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne
fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben.
Eines Tages merkte der Baum, dass es besonders schön war, ein wenig
nach links zu wachsen, denn von dort schien die Sonne mehr auf seine
Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links. "Schau", sagte
der Gärtner zu seiner Frau, " unser Baum wächst schief. Seit wann
dürfen Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten?
Ausgerechnet unser Baum! Gott hat die Bäume nicht erschaffen, damit
sie schief wachsen, nicht wahr, Frau?" Seine Frau gab ihm natürlich
recht. "Du bist eine kluge und gottesfürchtig Frau", meinte
daraufhin der Gärtner. "Hol also unsere Schere, denn wir wollen den
Baum gerade schneiden." Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn
bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm
die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht
sprechen und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber
sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten.
Und sie sagten, ein richtiger Baum müsse gerade wachsen. Und Gott
sähe es nicht gerne, wenn er schief wachse. Er wuchs nicht mehr der
Sonne entgegen. "Ist er nicht brav, unser Baum?" fragte der Gärtner
seine Frau. "Sicher, lieber Mann", antwortete sie, "du hast wie
immer Recht. Unser Baum ist ein braver Baum." Der Baum begann zu
verstehen. Wenn er machte, was ihm Spaß und Freude bereitete, dann
war er anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er
tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs
er strebsam in die Höhe und gab darauf acht, nicht mehr schief zu
wachsen. "Sieh dir das an", sagt der Gärtner eines Tages zu seiner
Frau, " unser Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört
sich das für einen rechten Baum?" Seine Frau antwortete:" Aber nein,
lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, dass Bäume
langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, dass
Bäume bescheiden sein müssten, ihrer wachse auch schön langsam." Der
Gärtner lobte seine Frau und sagte, dass sie etwas von Bäumen
verstehe. Und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die
Äste zu stutzen.
Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm
einfach die Äste ab, die dem Gärtner und seiner Frau nicht gefielen?
Und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spaß
machte? "Schau her, Frau", sagte der Gärtner ,"wir können stolz sein
auf unseren Baum." Und seine Frau gab ihm wie immer recht. Der Baum
wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die
Breite. Sie würden ja schon sehen, wohin sie damit kommen.
Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen,
Freude haben und Freude bereiten. In seinem Innern spürte er ganz
genau, dass es richtig war, zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die
Breite. "Das ist doch nicht zu fassen!" Der Gärtner holte empört die
Schere und sagte zu seiner Frau: "Stell dir vor, unser Baum wächst
einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja
gerade zu Spaß zu machen. So etwas können wir auf keinen Fall
dulden! " Und seine Frau pflichtete ihm bei: "Das können wir nicht
zulassen. Dann müssen wir ihn eben wieder zurecht stutzen." Der Baum
konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Er hörte auf,
zu wachsen. Ihm machte das Leben keine rechte Freude mehr. Immerhin,
er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch
alles keine rechte Freude mehr machte, so wurde er wenigstens lieb
gehabt. So dachte der Baum.
Viele Jahre später kam ein kleiner Junge mit seinem Vater am Baum
vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden, der Gärtner und seine
Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum
geworden. Der kleine Junge blieb vor dem Baum stehen. "Papa, findest
du nicht auch, dass der Baum hier ein bisschen traurig aussieht?"
fragte er. "Ich weiß nicht", sagte der Vater, "als ich so klein war
wie du, konnte ich auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig
ist. Aber heute sehe ich das nicht mehr." "Der Baum sieht wirklich
ganz traurig aus." Der kleine Junge sah den Baum mitfühlend an. "Den
hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der
gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen,
durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig." "Vielleicht",
antwortete der Vater versonnen. "Aber wer kann schon so wachsen wie
er will?" "Warum denn nicht?" fragte der Junge. "Wenn jemand den
Baum wirklich lieb hat, kann er ihn doch auch wachsen lassen, wie er
selber will. Oder nicht? Er tut doch auch niemanden etwas
zuleide." Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater
sein Kind an. Dann sagte er: "Weißt du keiner darf so wachsen wie er
will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht so
gewachsen sind wie sie eigentlich mal wollten." "Das verstehe ich
nicht, Papa!" "Sicher, Kind, das kannst du noch nicht verstehen.
Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen wie du wolltest.
Auch du durftest nicht." "Aber warum denn nicht, Papa? Du hast mich
doch lieb und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?" Der Vater sah
sein Kind eine Weile nachdenklich an. "Ja", sagte er dann, "sicher
haben wir dich lieb." Sie gingen langsam weiter und der kleine Junge
dachte noch lange über das Gespräch und den traurigen Baum nach. Der
Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange
nach. Er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon
lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum. Und er begann
hemmungslos zu weinen.
"... In dieser Nacht war der Junge sehr unruhig. Immer wieder dachte
er an den traurigen Baum und schlief schließlich erst ein, als
bereits der Morgen zu dämmern begann. Natürlich verschlief der Junge
an diesem Morgen. Als er endlich aufgestanden war, wirkte sein
Gesicht blass und stumpf. "Hast du etwas schlimmes geträumt?",
fragte der Vater. Der Junge schwieg, schüttelte dann den Kopf. Auch
die Mutter war besorgt: "Was ist mit dir?" Und da brach es
schließlich doch all der Kummer aus dem Jungen heraus. Von Tränen
überströmt stammelte er: "Der Baum! Er ist so schrecklich traurig.
Darüber bin ich so traurig. Ich kann das alles einfach nicht
verstehen." Der Vater nahm den Kleinen behutsam in seine Arme, ließ
ihn in Ruhe ausweinen und streichelte ihn nur liebevoll. Dabei wurde
sein Schluchzen nach und nach leiser und die Traurigkeit verlor sich
allmählich. Plötzlich leuchteten die Augen des Jungen auf, und ohne
dass die Eltern etwas begriffen, war er aus dem Haus gerannt. Wenn
ich traurig bin und es vergeht, sobald mich jemand streichelt und in
die Arme nimmt, geht es dem Baum vielleicht ähnlich, so dachte der
Junge. Und als er ein wenig atemlos vor dem Baum stand, wusste er
auf einmal, was zu tun war. Scheu blickte sich der Kleine um. Als er
niemanden in der Nähe entdeckte, strich er zärtlich mit dem Händen
über die Rinde des Baumes. Leise flüsterte er dabei: "Ich mag Dich,
Baum. Ich halte zu dir. Gib nicht auf, mein Baum!"
Nach einer Weile rannte er wieder los, weil er ja zur Schule musste.
Es machte ihm nichts aus, dass er zu spät kam, denn er hatte ein
Geheimnis und eine Hoffnung. Der Baum hatte zuerst gar nicht
bemerkt, dass ihn jemand berührte. Er konnte nicht glauben, dass das
Streicheln und die Worte ihm galten - und auf einmal war er ganz
verblüfft, und es wurde sehr still in ihm. Als der Junge wieder fort
war, wusste er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dann
schüttelte er seine Krone leicht im Wind, vielleicht ein bisschen zu
heftig, und sagte zu sich, dass er wohl geträumt haben müsse. Oder
vielleicht doch nicht? In einem kleinen Winkel seines Baumherzens
hoffte er, dass es kein Traum gewesen war. Auf dem Heimweg von der
Schule war der Junge nicht allein. Trotzdem ging er dicht an dem
Baum vorbei, streichelte ihn im Vorübergehen und sagte leise: " Ich
mag dich und ich komm bald wieder." Da begann der Baum zu glauben,
dass er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames Gefühl
regte sich in einem kleinen Ast. Die Mutter wunderte sich, dass ihr
Sohn auf einmal so gerne einkaufen ging. Auf alle Fragen der Eltern
lächelte der Kleine nur und behielt sein Geheimnis für sich. Immer
wieder sprach der Junge nun mit dem Baum, umarmte ihn manchmal,
streichelte ihn oft. Er verhielt sich still, rührte sich nicht. Aber
in seinem Innern begann sich etwas immer stärker zu regen. Wer ihn
genau betrachtete konnte sehen, dass seine Rinde ganz langsam eine
freundlichere Farbe bekam. Der Junge jedenfalls bemerkte es und
freute sich sehr. Der Gärtner und seine Frau, die den Baum ja vor
vielen Jahren gepflanzt hatten, lebten regelmäßig und ordentlich,
aber auch freudlos und stumpf vor sich hin. Sie wurden älter, zogen
sich zurück und waren oft einsam. Den Baum hatten sie so nach und
nach vergessen, ebenso wie sie vergessen hatten, was Lachen und
Freude ist - und Leben. Eines Tages bemerkten sie, dass manchmal ein
kleiner Junge mit dem Baum zu reden schien. Zuerst hielten sie es
einfach für eine Kinderei, aber mit der Zeit wurden sie doch etwas
neugierig. Schließlich nahmen sie sich vor, bei Gelegenheit einfach
zu fragen, was das denn solle. Und so geschah es dann auch.
Der Junge erschrak, wusste nicht so recht, wie es sich verhalten
sollte. Einfach davon laufen wollte er nicht, aber erzählen, was
wirklich war - das traute er sich nicht. Endlich gab der Kleine sich
einen Ruck, dachte: "Warum eigentlich nicht?" und erzählte die
Wahrheit. Der Gärtner und seine Frau mussten ein wenig lachen, waren
aber auf eine seltsame Weise unsicher, ohne zu wissen, warum. Ganz
schnell gingen sie wieder ins Haus und versicherten sich
gegenseitig, dass der kleine Junge wohl ein wenig verrückt sein
müsse. Aber die Geschichte ließ sie nicht mehr los. Ein paar Tage
später waren sie wie zufällig in der Nähe des Baumes, als der Junge
wiederkam. Dieses Mal fragte er die Gärtnerleute, warum sie denn den
Baum so zurechtgestutzt haben. Zuerst waren sie empört, konnten aber
nicht leugnen, dass der Baum in den letzten Wochen ein fröhlicheres
Aussehen bekommen hatte. Sie wurden sehr nachdenklich. Die Frau des
Gärtners fragte schließlich: "Meinst du, dass es falsch war, was wir
getan haben?" "Ich weiß nur", antwortete der Junge, "dass der Baum
traurig ist. Und ich finde, dass das nicht sein muss. Oder wollt ihr
einen traurigen Baum?" "Nein!" rief der Gärtner. "Natürlich nicht.
Doch was bisher recht und gut war, ist ja wohl auch heute noch
richtig, auch für diesen Baum." Und die Gärtnerfrau fügte hinzu:
"Wir haben es doch nur gut gemeint." "Ja, das glaube ich", sagte der
Junge, "ihr habt es sicher gut gemeint und dabei den Baum sehr
traurig gemacht. Schaut ihn euch einmal genau an!" Und dann ließ er
die beiden alten Leute allein und ging ruhig davon mit dem sicheren
Gefühl, dass nicht nur der Baum Liebe brauchen würde. Der Gärtner
und seine Frau dachten noch sehr lange über diesen seltsamen Jungen
und das Gespräch nach. Immer wieder blickten sie verstohlen zu dem
Baum, standen oft vor ihm, im ihn genau zu betrachten. Und eines
Tages sahen auch sie, dass der Baum zu oft beschnitten worden war.
Sie hatten nicht den Mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu
reden. Aber sie beschlossen, ihn wachsen zu lassen, wie er wollte.
Der Junge und die beiden alten Leute sprachen oft miteinander - über
dies oder das und manchmal über den Baum. Gemeinsam erlebten sie,
wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig
übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. Voller
Lebensfreude wuchs er schief nach unten als wollte er zuerst einmal
seine Glieder räkeln und strecken. Dann wuchs er in die Breite, als
wolle er die ganze Welt in seine Arme schließen, und in die Höhe, um
allen zu zeigen, wie glücklich er sich fühlte. Auch wenn der Gärtner
und seine Frau es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit
stiller Freude, dass der Junge dem Baum für alles lobte, was sich an
ihm entfalten und wachsen wollte. Voll Freude beobachtete der Junge,
dass es dem Gärtner und seiner Frau beinahe so ähnlich erging wie
dem Baum. Sie wirkten lebendiger und jünger, fanden das Lachen und
die Freude wieder und stellten eines Tages fest, dass sie wohl
manches im Leben falsch gemacht hatten. Auch wenn es jetzt nicht
mehr zu ändern wäre, so wollten sie doch wenigstens den Rest ihres
Lebens anders gestalten. Sie sagten auch, dass sie Gott wohl ein
wenig falsch verstanden hätten, denn Gott sei schließlich Leben,
Liebe und Freude und kein Gefängnis. So blühten gemeinsam mit dem
Baum zwei alte Menschen zu neuem Leben auf. Es gab keinen Garten
weit und breit, in welchem solch ein schief und wild und fröhlich
gewachsener Baum stand. Oft wurde er jetzt von Vorübergehenden
bewundert, was der Gärtner, seine Frau und der Junge mit stillem,
vergnügtem Lächeln beobachteten. Am meisten freute sie, dass der
Baum all denen Mut zum Leben machte, die ihn wahrnahmen und
bewunderten. Diesen Menschen blickte der Baum noch lange nach - oft
bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. Und manchmal begann er dann,
so saß es sogar einige Menschen spüren konnten, tief in seinem
Herzen glücklich zu lachen. " |
| |
 |
| |
|